Bilder hinterfragt: Peer Steinbrück bei Spiegel Online (SPON)

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Über den Umgang des Spiegel Online (SPON) mit Fotografie habe ich an anderer Stelle (hierhier und hier) schon gelegentlich geschrieben. Die Verwendung von Bildern zwischen Kitsch und Propaganda – wobei Kitsch auch gern als Propaganda genutzt wird – gehört zur üblichen Vorgehensweise von SPON. Ein schönes Beispiel für den manipulativen Einsatz von Fotografie gibt es auch kurz vor der Bundestagswahl 2013. Der Kanzlerkandidat der SPD, Peer Steinbrück, wird in einem Teaser für eine Spiegelausgabe im Text als “unbeherrscht, aggressiv und narzisstisch” bezeichnet und bebildert. Und da wird es zügig widerlich. Ohne Probleme kann man von jedem Menschen wenig schmeichelhafte bis grob die Persönlichkeit verzerrende Bilder aufnehmen. Das Bild von Steinbrück ist zumindest in einem Augenblick aufgenommen, der ihn nicht allzu sympathisch erscheinen lässt. Ein hässlich beleuchtetes Portrait, das Licht von oben mit hartem Schatten der Brille, der die Nasolabialfalten (die Furchen zwischen Nase und Mundwinkel – früher gern auch als “Kummerfalten” bezeichnet) grotesk verstärkt. Früher wurden diese Falten als Symptom für Zwölffingerdarmgeschwüre gedeutet – weder von dieser Interpretation her, noch von der Optik besonders schmeichelhaft. Der Mund halbgeöffnet, mit im Dunkeln lauernden Zähnen, das Kinn von unten her hart angeschnitten und damit auch betont. Das wirkt aggressiv, da ist einer kurz davor zuzubeißen suggeriert die Darstellung.

Besonders interessant ist aber der Blick. Der ist ohne Zweifel kritisch, ja den darf man durchaus als aggressiv interpretieren. Insofern ist in der Bebilderung der Text “aggressiv” und “unbeherrscht” mehrsagend umgesetzt. Wie üblich bei Bebilderungen von Texten sind beim Bild weder Aufnahmezeitpunkt, Aufnahmeort, geschweige denn die Umstände der Aufnahme bekannt. Ob dieses Bild den wahren Charakter des Herrn Steinbrück realistisch abbildet darf zumindest bezweifelt werden. Aber darum geht es auch nicht, natürlich wird man einen tendenziösen Artikel auch mit einem passenden Foto bebildern. Das funktioniert in beide Richtungen, gerade in Wahlkampfzeiten – nie sah Merkel mütterlicher auf den Wahlplakaten aus und Niebel fast schon seriös. Unappetitlich wird das Steinbrück Bild allerdings durch einen Kniff, der so offensichtlich ist, dass er sogar SPON eigentlich peinlich sein müsste: das Bild ist extrem deutlich nachbearbeitet, um den Eindruck von Steinbrück als eines großen Unsympathen zu betonen.

Schon zu Dunkelkammerzeiten war es üblich, bei schwierigen Negativen “Nachzubelichten” und “Abzuwedeln”. Teile des Papierbildes, die im Schatten abzusaufen drohten, wurden bei der Belichtung geschützt und andere, zu helle, etwas länger belichtet. Das Ziel war ein ausgewogenes, natürlich wirkendes Bild. In unseren modernen Zeiten wird das am PC noch genauso gehandhabt, selten sind Motive so gut ausgeleuchtet, dass alles wirklich passt – leichte Eingriffe in dieser Hinsicht sind also akzeptiert und gelten nicht als Bildmanipulation.

Beim Bild Steinbrücks in SPON gibt es aber keinen dezenten Eingriff zur Rettung eines schwierigen (digitalen) Negativs sondern eine grobe Bildbearbeitung um eine negative Bildwirkung zu verstärken. Links im Bild (das rechte Auge Steinbrücks) wurde das “digitale Abwedeln”, sprich: das Aufhellen des Bildes ins Absurde übertrieben. Normal wäre – entsprechend des vorhandenen Lichtes – eine Ausleuchtung des Auges wie die seines linken Auges. Beim Licht von oben also eher dunkel und im Schatten der Augenhöhle. Ob das einen tatsächlich positiveren Eindruck des Bildes mit sich bringen würde, ist eher unwahrscheinlich.

SPON war dieses Bild aber nicht effektvoll genug. Was also tun? Das rechte Auge wird aufgehellt, und zwar so offensichtlich, dass jeder, der von Bildbearbeitung etwas Ahnung hat, diese Manipulation sofort erkennt. Der Effekt ist deutlich: die natürliche, ungleiche Stellung der Augen wird zusätzlich betont, Asymmetrie wird verschärft, der künstlich starrende Blick des einen Auges nimmt dem Gesicht jede Balance. Der gewünschte Effekt ist durch ein süddeutsches Wort gut umschrieben: “schiech” – und das bedeutet “hässlich” “unschön” und ist mit “unangenehm” und “furchterregend” assoziiert.

Bildpropaganda vom “Feinsten”, anders kann man die Verwendung dieses Fotos nicht interpretieren: Ist das nur “billig gemacht” oder schon bewusst diffamierende Propaganda?

Bilder hinterfragt: Ägypten und der Sturz Mursis

Bei SPON sagen – oder sollen sagen – die Bilder einmal mehr als „tausend Worte“. Die Bilderstrecke zum Sturz von Präsident Mursi in Ägypten sind ein schönes Beispiel für die Verquickung von Propaganda und Kitsch, wie sie im Bildjournalismus heutzutage wohl grundsätzlich an der Tagesordnung sind. Aus einer Bilderstrecke vom 04.07.13 bei Spiegel Online seien ein paar Aufnahmen heraus gegriffen.

Angegriffen sieht Mursi auf einem TV-Screenshot aus. Die Hand über dem Magen, ein schmerzgeplagt wirkender Gesichtsausdruck – die Aufnahme hat einen symbolischen Charakter und kann als authentisch durchgehen, stammt sie doch aus Mursis letztem Fernsehauftritt. Den habe ich selbst nicht gesehen und daher lässt sich schlecht beurteilen, ob er dort tatsächlich schon einen solch kläglichen Auftritt hingelegt hat, wie es in dem Foto dokumentiert scheint.

Weiter geht es mit Kitsch, der beispielsweise auch über die Facebookseite von Amnesty International mit dem schwülstigen Untertitel „Hoffnung auf ein freies und friedliches Ägypten spiegelt sich in den Augen dieses jungen Mädchens vom Tahrir-Platz“ verbreitet wurde. Kinder und Hunde gehen immer. Wenn ein Mini-Dschihadist bei einer Islam-Demo vor die Kameralinsen geschoben wird, ist die Empörung groß: „Wie kann man unwissende Kinder derart manipulieren und missbrauchen“. Wenn es darum geht vermeintlich Positives zu bebildern, sind die leuchtenden Kinderaugen allemal eine feine Sache. Ich persönlich sehe da vor allem ein Mädchen mit Spaß am Fahnenschwingen beim großen Happening mit Feuerwerk auf dem Tahrir-Platz. Und wie frei dieses „freie Ägypten“ am Ende sein mag, das bebildern die Kopftuchdamen im Hintergrund der Aufnahme möglicherweise besser.

Interessant die beiden folgenden Bilder. Zunächst eine recht realistische Aufnahme, so wie sie am 03.07. schon in den Livestreams aus Ägypten zu sehen war. Der Tahrir-Platz mit Menschen gefüllt, Feuerwerkskörper explodieren über Stadt und Platz.

Eine peinliche Entgleisung ist die Publikation des folgenden Bildes. Eine Licht-Feuerwerks-Kitsch-Explosion, die offensichtlich nichts mit der Realität zu tun hat (rein technisch offensichtlich eine Montage vieler Bilder, in Photoshop zusammengesetzt). Was soll uns dieses Bild vermitteln? Die graue Realität wird ins Groteske hinein aufgehübscht, hier wird nichts dokumentiert sondern es geht darum die Demo auf dem Tahrir Platz als Happening darzustellen. Ein Happening wie die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Auf dem Bild ist alles gut, wer so ausgelassen mit Feuerwerk feiert, der muss auf der richtigen Seite stehen. Wo solche Lichtexplosionen die Nacht erhellen, dort lockt auch eine leuchtende Zukunft mit fröhlichen Menschen.

Exkurs: Ich kann mich noch an die Bilder der letzten Tahrir-Platz Revolution erinnern und Folgendes ist mir damals ins Auge gestochen. Seinerzeit war der Fanatismus im Auge des „Wessen-auch-immer-Anhängers“ das Bild der Stunde, heute ist es eben das fahnenschwingende Mädel von weiter oben.

Dass Alles, was sich derzeit in Ägypten abspielt eigentlich eh nur Pop ist, das illustriert abschließend ein weiteres Bild aus der SPON Bilderstrecke. Revolte, Umsturz, Aufbruch –  bebildert wie ein Konzert der Rolling Stones. Mick Jagger, “singing about a revolution” – so schön und einfach kann ein Umsturz in Ägypten in der Spiegel Online Bilderstrecke sein.

Bilder hinterfragt: McAllister Wahlplakat in Niedersachsen 2012

McAllister_Wahlplakat

Wie schön: Wahlkampfzeit. Eine exzellente Gelegenheit, sich an verlogenen Bildaussagen zu erfreuen. Fotos, die sich mit darüber gelegten Textaussagen an die Augen heranwanzen und oft von einer wunderbaren, unfreiwiligen Komik sind. In diesem Fall geht es um Herrn McAllister im Landtagswahlkampf Niedersachsen 2013.

Der Slogan “In guten Händen” wird mit einem Handschlag bebildert. Der Symbolkraft dieses Handschlags wird jedoch nicht recht getraut und daher wird die Geste mit dem Pferdchen aus dem Landeswappen und dem CDU-Logo zugekleistert. Eine eher weise Entscheidung, denn dieser Händedruck ist nichts als eine hohle Geste, vor allem in Kontext des Blicks von McAllister. Der zielt keineswegs auf ein Gegenüber, sondern ins Weite. Sollte jemand mit einem solchen Blick jemals Ihre Hand schütteln, so können Sie gewiss sein, dass derjenige mit seinen Gedanken irgendwo, mit Sicherheit nicht bei Ihnen ist.

In diesem Fall mag der Blick auf das große Ziel des Wahlsiegs gerichtet sein, und der geht ins Leere.

Dazu passend das Zahnpasta- tja, soll man es wirklich “Lächeln” nennen? Wir sehen das Paradebeispiel eines klassischen Politikerlächelns ohne Bezug zu einer Situation, dafür mit Beteiligung gerade einmal der allernötigsten Gesichtsmuskeln rund um den Mund herum, um wenigstens ein lächelähnliches Ergebnis zu erreichen. Es ist die Sorte “Lächeln”, die schneller verlischt als das Fotolicht abgeschaltet ist.

Apropos Fotolicht: gut ausgeleuchtet ist das Bild schon. Das Gesicht gut konturiert und ordentlich schmal gehalten durch das seitlich von hinten plazierte Effektlicht; der Schädel durch ausgewogenes Spiel mit Schärfe und Unschärfe gegen den Hintergrund abgehoben und das Gesicht mit einem gut plazierten Hauptlicht ausgezeichnet ausgeleuchtet. Handwerklich tadellos gemacht. Trotzdem unterstützt auch die Lichtinszenierung nicht mehr als eine künstliche Stimmung, die vor allem eine Botschaft transportiert: wir haben es mit einem aalglatten Politiker zu tun, der weit entrückt von normalen Bürgern (ja,ja was immer das sein mag) agiert.

Ganz wesentlich zu diesem Politikerbildnis trägt eine Darstellung bei, von der schwer zu sagen ist, ob sie eher mit Schminke oder mit Photoshop-Nachbearbeitung erzeugt wird. „Makellosigkeit“ ist die angestrebte Bildwirkung. Da ist alles wohlkonturiert, die Lippen glänzen leicht glossig, die Zähne leuchten weiß ins Land, die Haut hat einen Teint um den viele junge Mädchen Herrn McAllister beneiden mögen. Ein Model im Business-Look, nur dass die Fotografen solcher Business-Situationen längst wissen, wie wichtig es ist, einen natürlichen Schein zu bewahren.

Dieses Wahlkampf-Motiv von David McAllister wird als Riesenplakat in Niedersachsen auf einer Fläche von satten 224 Quadratmetern abgebildet und es atmet mehr als einen Hauch von Nordkorea. Der große Führer Kim McAllister blickt ins Land seiner Untertanen. Ein potemkinscher Politiker, hinter dessen maskenhafter Fassade man bestenfalls ein großes Nichts erwartet und in dessen “gute Hände” ich persönlich nicht fallen möchte.