Bilder hinterfragt: Ägypten und der Sturz Mursis

Bei SPON sagen – oder sollen sagen – die Bilder einmal mehr als „tausend Worte“. Die Bilderstrecke zum Sturz von Präsident Mursi in Ägypten sind ein schönes Beispiel für die Verquickung von Propaganda und Kitsch, wie sie im Bildjournalismus heutzutage wohl grundsätzlich an der Tagesordnung sind. Aus einer Bilderstrecke vom 04.07.13 bei Spiegel Online seien ein paar Aufnahmen heraus gegriffen.

Angegriffen sieht Mursi auf einem TV-Screenshot aus. Die Hand über dem Magen, ein schmerzgeplagt wirkender Gesichtsausdruck – die Aufnahme hat einen symbolischen Charakter und kann als authentisch durchgehen, stammt sie doch aus Mursis letztem Fernsehauftritt. Den habe ich selbst nicht gesehen und daher lässt sich schlecht beurteilen, ob er dort tatsächlich schon einen solch kläglichen Auftritt hingelegt hat, wie es in dem Foto dokumentiert scheint.

Weiter geht es mit Kitsch, der beispielsweise auch über die Facebookseite von Amnesty International mit dem schwülstigen Untertitel „Hoffnung auf ein freies und friedliches Ägypten spiegelt sich in den Augen dieses jungen Mädchens vom Tahrir-Platz“ verbreitet wurde. Kinder und Hunde gehen immer. Wenn ein Mini-Dschihadist bei einer Islam-Demo vor die Kameralinsen geschoben wird, ist die Empörung groß: „Wie kann man unwissende Kinder derart manipulieren und missbrauchen“. Wenn es darum geht vermeintlich Positives zu bebildern, sind die leuchtenden Kinderaugen allemal eine feine Sache. Ich persönlich sehe da vor allem ein Mädchen mit Spaß am Fahnenschwingen beim großen Happening mit Feuerwerk auf dem Tahrir-Platz. Und wie frei dieses „freie Ägypten“ am Ende sein mag, das bebildern die Kopftuchdamen im Hintergrund der Aufnahme möglicherweise besser.

Interessant die beiden folgenden Bilder. Zunächst eine recht realistische Aufnahme, so wie sie am 03.07. schon in den Livestreams aus Ägypten zu sehen war. Der Tahrir-Platz mit Menschen gefüllt, Feuerwerkskörper explodieren über Stadt und Platz.

Eine peinliche Entgleisung ist die Publikation des folgenden Bildes. Eine Licht-Feuerwerks-Kitsch-Explosion, die offensichtlich nichts mit der Realität zu tun hat (rein technisch offensichtlich eine Montage vieler Bilder, in Photoshop zusammengesetzt). Was soll uns dieses Bild vermitteln? Die graue Realität wird ins Groteske hinein aufgehübscht, hier wird nichts dokumentiert sondern es geht darum die Demo auf dem Tahrir Platz als Happening darzustellen. Ein Happening wie die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Auf dem Bild ist alles gut, wer so ausgelassen mit Feuerwerk feiert, der muss auf der richtigen Seite stehen. Wo solche Lichtexplosionen die Nacht erhellen, dort lockt auch eine leuchtende Zukunft mit fröhlichen Menschen.

Exkurs: Ich kann mich noch an die Bilder der letzten Tahrir-Platz Revolution erinnern und Folgendes ist mir damals ins Auge gestochen. Seinerzeit war der Fanatismus im Auge des „Wessen-auch-immer-Anhängers“ das Bild der Stunde, heute ist es eben das fahnenschwingende Mädel von weiter oben.

Dass Alles, was sich derzeit in Ägypten abspielt eigentlich eh nur Pop ist, das illustriert abschließend ein weiteres Bild aus der SPON Bilderstrecke. Revolte, Umsturz, Aufbruch –  bebildert wie ein Konzert der Rolling Stones. Mick Jagger, “singing about a revolution” – so schön und einfach kann ein Umsturz in Ägypten in der Spiegel Online Bilderstrecke sein.